Fahrermangel – ein Blick über den Tellerrand

Ein Einblick in die Herausforderungen der Logistik in den USA
Perspektiven

In Deutschland fehlen bereits 60.000 bis 80.000 Lkw-Fahrer. Die Lücke wächst jedes Jahr um weitere 15.000 Fachkräfte.

Laut der Gewerkschaft ver.di hängt die Lösung des Problems vor allem an der Frage der Bezahlung. Verdi-Vertreter Ronny Keller sagt: „Die Branche muss ein besseres Angebot machen oder immer weiter nach Osten schauen.“ 

So einfach scheint es aber nicht zu sein. Wir werfen einen Blick über den Tellerrand.

Quelle: https://www.facebook.com/IchbinBerufskraftfahrerundhabeRespektverdient

USA: Geld ist nicht alles

Das Durchschnittsgehalt der US-amerikanischen Truck-Fahrer stieg im Jahr 2021 um 11 Prozent, so stark wie in kaum einer anderen Berufsgruppe. Die höheren Löhne haben den Fahrermangel jedoch nicht behoben, sagt die IRU (Internationale Straßentransport Union). Im Gegenteil. Es sieht sogar so aus, als hätten die Lohnerhöhungen den Mangel noch verschlimmert, da einige Fahrer die Gelegenheit ergriffen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren.

Zur Genüge bekannt: Der Fahrermangel wächst. Hier die Zahlen der American Trucking Associations für die USA.

Quelle: https://www.trucking.org/sites/default/files/2021-10/ATA%20Driver%20Shortage%20Report%202021%20Executive%20Summary.FINAL_.pdf

David Correll vom MIT zweifelt, dass materielle Anreize überhaupt zielgenau sind. Häufig verpuffen 40 Prozent der Arbeitszeit ungenutzt, weil der Fahrer stundenlang warten muss, bevor er abgefertigt wird. „Wir haben kein Hardwareproblem, sondern ein Softwareproblem.“ sagt Correll. Nach seiner Berechnung würde die Fahrerknappheit behoben, wenn jeder einzelne Fahrer täglich 18 Minuten weniger Zeit in schlecht gemanagten Hochregallagern verlieren würde. 

Steve Viscelli, ein Arbeitsmarktexperte, der früher als Lkw-Fahrer gearbeitet hat, rückt stattdessen die Arbeitsbedingungen in den Fokus: „Es gibt keinen Mangel an Lkw-Fahrern. Es handelt sich einfach um sehr schlechte Jobs.“

"Es gibt keinen Arbeitskräftemangel, das ist das Narrativ, das von den Branchenführern verbreitet wird", sagt auch Mike Chavez, der Programme zur Anwerbung und Bindung von Truck-Fahrern entwickelt. Schuld sind die schlechten Arbeitsbedingungen. 

Sieht man einmal von Walmart ab, arbeiten viele Truckfahrer 60-70 Stunden pro Woche, wobei ein großer Teil dieser Zeit damit verbracht wird, auf das Be- oder Entladen von Waren zu warten. Die Fahrer werden jedoch nur für die Fahrzeit bezahlt. Viele werden für Überstunden nicht entschädigt, haben keine Krankenversicherungsleistungen, zahlen ihre Treibstoffkosten selbst und sind tage- oder wochenlang von zu Hause weg. – "Deshalb können die Stellen nicht besetzt werden." 

EU: Fachkräftezuwanderung als Lösung?

Stefan Thyroke, Leiter der Fachgruppe Spedition und Logistik in der Gewerkschaft Verdi, hebt hervor: "Es sprechen alle vom Fahrermangel, aber damit ist nur der Fahrermangel von ortsansässig Beschäftigten gemeint".

Fahrer aus osteuropäischen Ländern kompensieren schon lange den Nachwuchsmangel der Branche in Deutschland und anderswo. Doch diese fahren, teils illegal, zu den schlechten Bedingungen der jeweiligen Herkunftsländer. Deutsche Speditionen setzt das unter Lohndruck. Branchenexperten warnen: Dadurch bleibt die Bezahlung niedrig und der Fachkräftemangel wird verschärft. 

Zudem herrschen in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten erschwerte Ausbildungsbedingungen. Nur in Ausnahmefällen können Unternehmen die Kosten der Weiterbildungen für Lastwagenfahrer übernehmen. Führerschein und Grundqualifikationen für den Berufseinstieg kosten über 10.000 Euro. "Für Mittelständler alles zu teuer", sagt BGL-Vorstand Engelhardt.

Auch Verdi-Vertreter Ronny Keller warnt: Der Blick nach Osten hilft nur begrenzt. Das Fachkräfteproblem gibt es inzwischen auch schon in Polen. Besser sei es daher, die Arbeitsbedingungen national zu verbessern.

Es sind die Arbeitsbedingungen

Der Fahrermangel ist nicht nur ein Problem der Transportunternehmen und der Behörden, sondern der gesamten Lieferkette. Mit Sicherheit gehören höhere Löhne zur Lösung des Problems. Vor allem aber sind Änderungen der Rechtsvorschriften und Änderungen der Geschäftspraktiken von Verladern, Empfängern und Spediteuren dringend nötig, so die American Trucking Association (ATA). Ändern müssen sich vor allem die Rahmenbedingungen und das Image des Berufs. Dann kommen auch wieder die jungen Leute.

Inzwischen haben die Behörden auf beiden Seiten des Atlantiks begonnen, an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu arbeiten, beispielsweise mit Initiativen zu sicheren Parkplätzen. In Europa fehlen derzeit 100.000 sichere Parkplätze, um den Bedarf zu decken. Das hält vor allem Frauen davon ab, den Beruf einer Lkw-Fahrerin zu ergreifen.

Parkplatznotstand

Quelle: https://www.eurotransport.de/artikel/mangelnde-lkw-parkplaetze-notstand-entlang-deutscher-autobahnen-9971725.html

Ein weiterer wichtiger Faktor sind die Bedingungen an den Abfahrts- und Zielorten, beispielsweise, dass die Fahrer Zugang zu Hygieneeinrichtungen bekommen. Zudem muss endlich der Praxis ein Riegel vorgeschoben werden, dass Fahrer an der Rampe be- und entladen sollen. Einige Länder fangen endlich an, hier entsprechende Gesetze zu erlassen: In Spanien und Portugal ist es inzwischen verboten, Fahrer von Lkw über 7,5 Tonnen zu Be- und Entladearbeiten von Waren und Verpackungen hinzuzuziehen. 

"Es ist ganz einfach", sagt Joe Michel, Geschäftsführer der Alaska Trucking Association. "Wenn man ihnen mehr zahlt und sie besser behandelt, bleiben sie auch hier".

Weitere Informationen:

https://www.iru.org/news-resources/newsroom/driver-shortages-surge-expected-jump-40-2022-new-iru-survey

https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw20-pa-verkehr-berufskraftfahrer-892464

https://www.vox.com/22841783/truck-drivers-shortage-supply-chain-pandemic

https://www.cnbc.com/2022/07/05/why-driving-big-rig-trucks-isnt-a-job-americans-want-to-do-anymore.html

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